Martin Grubinger

Artist in Residence 2018/2019

Mit einem Schlag revolutionierte der Multiperkussionist Martin Grubinger die Musikwelt. So virtuos und sympathisch wie er hat keiner zuvor die Vielfalt der Schlaginstrumente ins Rampenlicht gerückt und das Schlagwerk in den großen Konzertsälen hoffähig gemacht. Seine Ausstrahlung und sein Spiel – nicht selten auf zwanzig Instrumenten zeitgleich – erreichen noch die hintersten Winkel jedes Saals und begeistern das Publikum nachhaltig. Ob als schnellster Schlagzeuger der Welt oder als versierter Solist zahlreicher Uraufführungen: Martin Grubinger ist ein musikalischer Ausnahmekönner! Bei PRO ARTE wird er als „Artist in Residence“ mit drei Konzerten zu hören sein.

Foto: 181206 Martin_Grubinger © Simon Pauly

Martin Grubinger & Sydney Symphony

Dass australische Musiker per se „open minded“ sind, also einen weiten Horizont und viel musikalische Neugier besitzen, davon ist der Perkussionist Martin Grubinger fest überzeugt. Bestes Beispiel hierfür ist das Sydney Symphony Orchestra, das sich so stark wie kaum ein führendes Orchester mit zeitgenössischer Musik beschäftigt. Diese Offenheit und Freude am Neuen teilt das Ensemble mit dem Schlagzeugvirtuosen.

Konzert
Foto: 190221 Martin Grubinger © Simon Pauly

Martin Grubinger & Göteborger Symphoniker

Riesige Wälder, weite Seen, die magische Wirkung des Lichts – der finnische Komponist Jean Sibelius war von seiner Heimat fasziniert. Die Landschaften Skandinaviens sind auch dem Isländer Daníel Bjarnason vertraut und bilden ein expressionistisches Drehbuch, das perfekt für den Multiperkussionisten Martin Grubinger ist.

Konzert
Foto: 190410 Martin_Grubinger © Simon Pauly

Martin Grubinger & The Percussive Planet Ensemble

Wenn Martin Grubinger „The Century of Percussion“ ausruft, darf man sich auf ein Konzert der Superlative freuen. So hat er eine beeindruckende Suite arrangiert, die die Geschichte des Schlagzeugs in den Mittelpunkt stellt. Eine faszinierende musikalische Weltreise durch ein Jahrhundert der Perkussion!

Konzert

Interview

mit Martin Grubinger

Foto: 181206 Martin_Grubinger © Simon Pauly1

Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie wieder in Frankfurt sind. Haben Sie gute Erinnerungen an die Stadt?
Ja, natürlich. Ich würde sagen, Frankfurt ist neben Köln, München und Hamburg die Stadt, in der ich in den letzten Jahren die meisten Konzerte gespielt habe. Die Alte Oper hat einen sehr schönen Saal mit einer Akustik, die meinem Instrument sehr entgegenkommt. Außerdem gibt es hier ein Publikum, das wirklich offen ist. Ich habe hier schon viele außergewöhnliche Programme spielen können. Und das macht vor allem dann großen Spaß, wenn ich das Gefühl habe, dass das Publikum offen für Neues ist und auch bereit, sich mit Unkonventionellem auseinanderzusetzen. Gerade für mich als Schlagzeuger ist das auch enorm wichtig! Ja, dadurch gibt es eine starke Beziehung zu Frankfurt.

In Ihrem erste Konzert spielen Sie James MacMillans 2. Schlagzeugkonzert; zum ersten Mal?
Ja, das wird ganz neu sein für mich. Das Stück ist wirklich interessant; jedes Mal wenn ich es gehört habe, habe ich mir gewünscht, es einmal zu spielen! Es hat sehr spezielle Instrumente dabei, das Aluphon zum Beispiel, ein neues Instrument, das erst seit ein paar Jahren zur Schlagzeugfamilie gehört. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das Stück auf mich wirkt. Denn das ist ja das Schöne: Wenn man ein neues Werk einstudiert, da wohnt dem ein Zauber des Anfangs inne, für den Solisten, das Orchester, den Dirigenten und natürlich auch für das Publikum. Und das ist eine sehr spannende Erfahrung!

Was ist das für eine Musik? Was sind die Stärken von James Mac Millan?
James MacMillans erstes Schlagzeugkonzert „Veni, veni Emmanuel“ ist eines der berühmtesten Schlagzeugkonzerte überhaupt, also ein echter Klassiker in unserem Repertoire. Er schreibt eine Musik, die einen sehr intellektuellen Ansatz hat, der beim ersten Mal hören vielleicht etwas speziell ist. Aber es ist auch eine Musik, die sehr emotional ist, die einen wirklich berührt, und die von großer kompositorischer Klasse getragen ist. Man merkt, dass da jemand sein Handwerk als Komponist versteht. In seinem zweiten Schlagzeugkonzert bleibt er seinem Kompositionsstil und seinen Überzeugungen treu. Und auch das hat mich davon überzeugt, es in mein Repertoire aufzunehmen.

Wann fangen Sie mit dem Studium an?
Das läuft schon längst. Es ist enorm wichtig, sehr früh anzufangen, weil ich ja auch den Wunsch habe, alles auswendig zu spielen. Da muss man sich einfach Zeit nehmen! Wichtig ist auch, dass man eine Idee hat dazu, was man musikalisch-inhaltlich aus dem Stück rausholen möchte. Also dass man nicht einfach nur die Töne spielt, sondern dass man tatsächlich versucht, auch texttreu zu sein, das umzusetzen, was der Komponist sich wünscht und gleichzeitig seine eigene Identität dem Werk vermittelt. Daher bin ich jetzt schon mittendrin und ich denke, ich werde im Dezember dann bereit sein.

Kennen Sie das Orchester schon?
Nein, das wird mein erstes Zusammentreffen mit Sydney Symphony. Ich bin sehr gespannt und freue mich darauf! Vor allem weil australische Musiker ja grundsätzlich „open minded“ sind, was wichtig ist, wenn man mit einem Schlagzeuger spielt. Sie sind wirklich toll, ich habe mir viel angehört und kenne auch die Schlagzeuger! Und ich finde auch, dass es wichtig ist, solche Musik, neue Werke und zeitgenössische Literatur, in den unterschiedlichsten Kombinationen und Konstellationen spielen. Die traditionelle Version wäre ja: europäische Komponist, europäischer Solist, europäisches Orchester. Aber da nun eine andere Facette mit einzubringen – die Kombination von Sydney, Europa und einem Schlagzeugkonzert von MacMillan – das ist schon sehr weit fortschrittlich und eine aufregende Sache!

Sie haben das neue Instrument „Aluphon“ erwähnt. Ist der Instrumentenbau ein Bereich, der Sie interessiert?
Ja, auf jeden Fall. Das ist eine ganz grundsätzliche Säule, die für einen Schlagzeuger unglaublich wichtig, sogar lebenswichtig ist. Das Instrument hat noch so viele Entwicklungsschritte vor sich, da müssen wir unbedingt Fortschritte machen! Dazu brauchen wir Literatur, und das heißt wiederum: wir brauchen Komponisten, die sich mit neuen Instrumenten auseinandersetzen wollen, Neues entdecken wollen, oder die vielleicht auch in der Kombination von vielen verschiedenen Instrumenten eine neue Klangsprache entwickeln. Für mich ist das wirklich entscheidend, dass ein Komponist neugierig ist und neue Wege gehen will. Wenn ein Komponist dazu bereit ist, dann macht das Instrument auch in seiner Entwicklung einen Fortschritt.

Foto: 190221 Martin Grubinger © Simon Pauly1

 

Für Ihr Konzert mit den Göteborger Symphonikern schreibt der isländische Komponist Daníel Bjarnason derzeit ein Schlagzeugkonzert für Sie. Gibt es „No-Gos“ bei Auftragswerken?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt natürlich Instrumente, die ich lieber habe, und es gibt Instrumente, da denke ich: Das muss jetzt nicht unbedingt sein. Nicht, weil ich sie nicht spielen kann oder mag, sondern weil ich das Gefühl habe, dass aus dem Instrumentarium die Luft raus ist und schon alle Komponisten etwas dazu gesagt haben. Denn eine Idee von mir ist schon, Komponisten immer mal auf andere Wege zu locken was die Instrumentenwahl betrifft, dass man nicht immer
das selbe Instrumentarium wählt.

Den Dirgenten Santtu-Matias Rouvali kennen Sie schon. Was ist er für ein Typ?
Er ist wirklich ein besonderer Typ, ein echter Freak und ein fantastischer Dirigent! Santtu ist zwei Jahre jünger als ich und hat in den letzten Jahren eine große Karriere gemacht: er ist schon lange Chefdirigent des finnischen Tampere Philharmonic Orchestra, mit dem ich schon spielen durfte, er ist Erster Gastdirgient beim Philharmonia Orchestra in London und seit letzter Saison Chefdirigent der Göteborger Symphoniker. Und ganz besonders ist auch: wir sind Kollegen! Santtu ist oder war Schlagzeuger und als solchen habe ich ihn auch bei einem Wettbewerb in Luzern zum ersten Mal getroffen, bevor er mit 22 Jahren dann zum Dirigieren kam.

Hatten Sie deshalb gleich einen guten Draht zueinander?
Auf jeden Fall! Das ist das Schöne! Ich habe eigentlich zu allen Schlagzeugern gleich einen guten Draht. Es ist tatsächlich so, dass ich wirklich mit allen gut auskomme, gute Beziehungen aufbauen kann und so Freundschaften über viele Jahre entstehen. Als Schlagzeuger fühlt man sich zudem immer auf einer gemeinsamen Mission, nämlich unser Instrument einem breiten Publikum näher zu bringen.

Foto: 190410 Martin_Grubinger © Simon Pauly1

 

Was erwartet das Publikum bei „The Century of Percussion“?
In „Century of Percussion“ wollen wir, ausgehend von Strawinksis „Sacre“, die Tradition des Schlagzeugs der letzten hundert Jahre musikalisch bereisen und Revue passieren lassen. Wir wollen dem Publikum zeigen, welche unglaubliche Dynamik und Entwicklung dieses Instrument in dieser Zeit entwickelt hat. Einmal natürlich im klassischen Bereich bei Varèse, Bartok, Xenakis, Rihm, aber auch im Jazz, Rock, Pop, Salsa, Tango, Funk, beim African Drumming, Taiko-Drumming, bei den Azteken – es gibt die unterschiedlichsten Stilrichtungen, in denen das Schlagzeug immer eine zentrale Rolle gespielt hat. Kein Instrument ist in den verschiedensten Kulturen weltweit so verhaftet. Es ist einfach DAS multikulturelle globale Instrument! Für uns ist das Schlagzeug auch das Instrument des Jahrhunderts, denn es repräsentiert in seiner rasanten und dynamischen Entwicklung die ebenso rasanten Veränderungen in der Gesellschaft der letzten hundert Jahre.

Warum ist „Sacre“ der Ausgangspunkt?
„Sacre“ ist irgendwie die „Stunde Null“ für das Schlagzeug. Davor war das Schlagzeug immer Teil des Orchesters oder Teil der Blasmusik. Und plötzlich hat Strawinski diesem Instrument eine ganz neue Facette vermittelt, immer noch als Teil des Orchesters, jetzt aber mit einer ganz anderen Priorität. Und dann kamen Komponisten wie Varèse oder Bartok, bis wir heute unglaublich viele Komponisten haben, die für Schlagwerk komponieren und damit ein großes Repertoire.

An Ihrer Seite spielt das Percussive-Planet-Ensemble. Ist das ein festes Team?
Ja, das Ensemble spielt zusammen seit 20, 25 Jahren. Mit den meisten habe ich schon in der Musikschule zusammengespielt oder in Wien studiert. Wir sind also eine eingespielte Gruppe, wir glauben an dieselbe Philosophie, an die gleiche Spielweise. Wir sind wie der FC Barcelona im Fußball, der über Jahrzehnte hinweg ein Spiel geprägt hat. Bei Percussive-Planet glauben wir auch daran, dass es wichtig ist, eine gemeinsame Idee beim Spiel zu verfolgen. Und deshalb ist das das Ensemble, mit dem ich am liebsten spiele.

Ihr Vater ist auch mit dabei; er hat das Programm mit Ihnen maßgeblich erarbeitet.
Absolut. Er ist sozusagen unser Mastermind. Er hat komponiert, arrangiert und vor allem unglaublich viel recherchiert. Am Anfang wollten wir zuerst einmal einen Überblick gewinnen, über das, was alles möglich ist. Und dann war das natürlich hart für ihn, denn er wollte gerne viel mehr spielen, weil es so viele Möglichkeiten gegeben hätte. Aber man muss das ja dann auf ein Konzertprogramm zusammenkürzen!

Gibt es Lieblingspassagen im Programm, Lieblingszeiten, durch die Sie reisen?
Nein, das ist ein Programm, das mir komplett Spaß macht. Denn es zeigt die Welt des Schlagzeugs, wie wir sie erleben. Als Schlagzeuger haben wir die Möglichkeit, in viele unterschiedliche Kulturen und Traditionen einzutauchen. Das ist ein ganz besonderes Lebensgefühl! Und das zeigt sich in diesem Programm wie in keinem anderen Projekt.

Wie ist der Abend ansonsten komponiert, gibt es auch mal Ruhepausen für jeden?

Nein, Ruhepausen sind wirklich selten bei dem Programm. Es ist vor allem sehr virtuos für alle, das wird auch fürs Publikum zu sehen sein, denn die Bühne ist komplett vollgeräumt mit Schlaginstrumentarium. Wir springen ständig von einem perkussiven Jahr ins nächste, da sind Pausen eher selten.

Wie würden Sie Ihre Residenz zusammenfassen und das Publikum einladen?
Alle drei Konzerte sind sehr unterschiedlich. Wir haben mit James MacMillan einen Komponisten, der mit seinem intelligenten Ansatz wahrscheinlich zu den größten lebenden Komponisten unserer Zeit gehört, wir haben mit Daníel Bjarnason einen ganz modernen Komponisten, der eine große Nähe zum Film und zum Tanz hat. Wenn sich jemand alle drei Konzerte anhört, ist er danach wirklich Schlagzeugexperte; dann hat er einen sehr guten Überblick über die Möglichkeiten des Instruments bekommen und über die allerneusten Werke. Insofern bin ich sehr gespannt und freue mich darauf, das Instrument zu präsentieren. Ich freue mich auch auf die Stadt und hoffentlich sehr viele Leute, die sich alle Konzerte anhören.